Foto: Messe Düsseldorf / ctillmann

Über Technikprotz und die Heuchelei von verstandenen Lösungsansätzen – ein DRUPA-Besuch.

Ein sonniger Junimorgen des Jahres 2016, ich bestieg den Learjet nach Düsseldorf. Air Berlin versteht es eben auf dem Rollfeld das richtige Feeling aufkommen zu lassen

PROLOG: Bringen Sie sich mit dem ersten Teil der Trilogie in die richtige Stimmung:-) 

Da stand ich nun an diesem mittlerweile Mittag am Flughafen Düsseldorf und bestieg den Shuttlebus zum Messegelände. Ein Asket würde die Beschilderung am Flughafen begrüssen. Flatternde Fahnen und drupaCITY Überschriften sollten alles sein. Der Weg vorbei an den ausgegrenzten Rauchern (immer wieder faszinierend, dass man nur ein Rechteck auf den Teer malen muss und schon findet sich die illustre Gruppe der Raucher auf fünf Quadratmetern ein), den grimmig schauenden Taxifahrern, hin zum Shuttlebus war schon ein erstes Highlight.

Die 12:47 Tour war dem schönen Italien gewidmet und kurzweilig. Die Haltestellenanzeige im Bus versagte nach der ersten von 5 Stationen. Aber wer braucht schon Führung. Stille Post vom Busfahrer hin zur letzten Bank dauerte nur bis zur Endstation, da musste eh jeder raus, denn der Busfahrer wollte nun eine Mittagspause einlegen. Das Zitat der drupa dazu „60 Prozent haben auf der drupa neue Lieferanten gefunden“, sofern Sie zu vor den Bus fanden und richtig ausstiegen.

Der Einlass verlief erstaunlich reibungslos. Hatte man doch daheim bereits wie gefordert das DIN A4 Ticket ausgedruckt, getreu dem Motto: PRINT LEBT, WER BRAUCHT SCHON DIGITAL… Letzter Teil des Mottos wurde frei vom Verfasser hinzugefügt. Gut und schön, da stand ich nun zwischen Halle 7 und 8 und atmete erste Innovationsluft auf der von allen langersehnten drupa 2016. Ich habe es gut, schreibe ich doch diesen Bericht nach der drupa. An diesem Tag im Juni machte sich schon das Gefühl breit, dass die Besucherzahl geringer ist, doch wie ich in der bereits erwähnten Pressemitteilung lese, hat auch dies einen einleuchtenden Grund. Wie konnte ich anderes vermuten: „Die Besucher-Entwicklung (2012: 314.248 Besucher zu 2016 260.000) spiegelt die weltweite Branchen-Konsolidierung wider. Besonders positiv wirkt sich umso mehr die hohe Entscheidungskompetenz der Besucher aus, zumal jeder zweite Besucher mit einer sehr guten wirtschaftlichen Entwicklung seines Unternehmens im Verlauf der nächsten zwölf Monate rechnet. „Die Kunden kommen, bis auf wenige Ausnahmen, nicht mehr mit großen Delegationen oder im Rahmen eines Firmenausflugs zur drupa. Vielmehr ist es das Top-Management, das nach Düsseldorf reist – und bei dieser drupa aus 188 Ländern“, erläutert Werner Matthias Dornscheidt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Düsseldorf GmbH. “ – die ganze Mitteilung.

 

So lustwandelte ich inmitten der vielen Entscheider zielstrebig in Richtung Halle 8 zu meinem ersten Termin des Tages. RICOH, ein offener schöner Stand, dazu ein freundliches Willkommen am „WELCOME DESK“. Dieser Terminus wird mir die nächsten zwei Tage noch mehrfach über den Weg laufen oder im Weg stehen. Auf geht’s in den ersten Stock, toller Überblick, leckerer Kaffee (ob Fairtrade läßt sich nicht ausmachen). Die erste Überraschung: es gibt eine Lunchkarte. Feine Leckereien zum Mittag in Form von Flatbreds, Minibürgern (Sliders), Sushi und Salat. Sagenhaft, genau in der richtigen Portionsgröße um das Gespräch gekonnt zu untermalen. Danach macht der Rundgang über den Stand umso mehr Spaß.

Technische Neuheiten erwarten mich, das bunte Portfolio eines typischen Digitaldruckmaschinenherstellers. Solide. Zielstrebig geht es zur 5-Farb Maschine (C7100X). Transparenter Lack, klasse. Weißer Lack, jetzt wird’s spannend. Dazu die Ankündigung und erste Beispiele zu Neongelb. Meine Frage: Wer braucht das ausserhalb Asiens wurde sogleich mit einem Beispiel beantwortet. Gekonnt umgesetztes Motiv, bei dem das Neongelb entsprechend beeindruckend zur Wirkung kommt. Ich bin zufrieden, sofern ich Drucker der alten Generation wäre. Aber ich bin KEIN Drucker, so verlasse ich mit Fragen den Stand. Technisch bekomme ich eine Lösung um effizient, ggf. effizienter digital zu drucken, ich kann mit der fünften Farbe Mehrwerte generieren. Meine Meinung: ich könnte, sofern ich weiß, wie ich die Lösungen umsetze, entsprechend verkaufe und Agenturen begeistere entsprechende Druckstücke zu entwickeln. Ach, ich kann ja als „Drucker“ von nun an alles im eigenen Haus machen. Mit welchen Leuten, welchen Fähigkeiten und welchen Hürden wird offen gelassen.

So grüble ich noch ein wenig bei meinem Marsch von Halle 8 zur Halle 1. Heidelberg ist mein Ziel. Vorbei an illustren Hallen mit allerhand Anbietern, von denen ich noch nichts gehört habe, bzw. deren Messestände im 80er Jahre Design (Wand, Stehtisch, Banner) weder einladend noch auf die eigentlichen Produkte oder Leistungen des Unternehmens hinweisen. Noch scheint zu viel Geld im Umlauf zu sein, um sich lahme Messeauftritte zu gönnen, oder es will entsprechenden Firmen einfach nicht einleuchten sich zu präsentieren. Dazu sollte man offen auf die Besucher zugehen und sich nicht mit dem Computer sitzend hinter einem Tisch verstecken und Onlinespiele spielen, noch sein iPhone mit Apps zu bestücken, noch in der Kaffeeküche/Abstellkammer zu lauern. Ist ja fast wie im deutschen Einzelhandel. Themenwechsel, ich bin in der Heimat von Heidelberg angelangt.

Ein gepflegter kurzfloriger Teppich dämpft meine Schritte, die Luft ist angenehm befeuchtet: ah Offset. Eigentlich nicht mein Bereich, doch ich bin neugierig wo der „feurige“ Weg hingeht. Und es gibt Kaffee, nach dem zweiten Anlauf, da der offene Cateringbereich dauerhaft belagert wird. Leider scheinbar von allen und jedem, was echte Gespräche nicht möglich macht. Scheinbar deshalb geht es für die richtigen Interessenten in hintere Räume oder Hallen… wer weiß…

Zurück zu den „feurigen“ Neuheiten. Digitaldruck mit Toner, Digitaldruck mit Inkjet bis hin zu 4-D Druck, sehr beeindruckend. Die Eisenrösser der Sparte Offset lasse ich links liegen, hier dürfen andere berichten. Schon wird mir ein handfestes Beispiel zum neuen Inkjet 4-D Druck offeriert. Golfball, Fußball oder Edeltrinkflasche? Ich golfe nicht, ich … (beliebig von der geschätzten Leserin/dem geschätzten Leser zu ergänzen), noch habe ich Platz für einen Fußball, bleibt die Edeltrinkflasche eines Schweizer Herstellers, demnach eine neutrale Entscheidung. Schön sieht das Ergebnis aus. Mir erschließt sich der Unterschied zum alteingesessenen Werbemittelmarkt mit gewohnt niedrigen Konditionen noch nicht so gan, aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Der Ansatz ist durchaus zu würdigen, das bekannte Beispiel myMuesli unterstreicht diese These. Der Form halber nochmal eine Erläuterung der Unterschiede zwischen dem 5-Farb HEIDELBERG und RICOH Produktes. Ich erfahre einiges, Interessantes, Wissenswertes und vor allem sinnvolles für die Nutzung im Tagesgeschäft. Gut gemacht. Echte Ansätze, Unterstützung und Anregungen für den Einsatz im Geschäft unmittelbar nach dem drupa Besuch bleiben mir verwehrt. Schade.

Guten Abend auf dem XEROX Stand, noch ein Kaltgetränk und etwas Chill-Out-Musik. Mein geschätzter Kollege Andreas Weber berichtete über alle sozialen Kanäle in eindrucksvoller Detailtreue. Lohnenswert, unbedingt.

 

ENDE TAG EINS…

 

Mein Morgen startet bei KONICA MINOLTA. Kaffee und… nichts weiter. Neben der schlichten Standgestaltung zieht sich das Messekonzept bis hin zum Catering konsequent durch. Wer’s mag? Ich nicht. Als Kunde und Interessent hätte ich mehr erwartet und nutze natürlich diesen Artikel schamlos zum Ausdruck dessen. Was denken Sie denn? Ein ordentlicher Rundgang auf dem weißen Designerstand, mit einigen blauen Akzenten, viel zu kleiner Beschriftung, leider wenig motivierend. Technische Neuheiten in Hülle und Fülle. Schneller, größer, weiter. Schon wieder Inkjet, wie so oft am gestrigen Tag. Warum, weshalb, bleibt auch hier offen. Packaging ist ein großes Thema. War es schon 2012. Da war wieder dieses Deja-vue. Die Partnerschaft mit MGI trägt Früchte. Veredelungen mit Lack und Folie, in kleiner Auflage (mit bunten Mustern bestätigt) und ggf. sogar personalisiert. Beispiele dafür: Fehlanzeige. Ein kleiner Schwenk in Richtung Multichannel seitens KONICA MINOLTA bei der Präsentation der MARKOMI Anwendung. Leider warte ich bis heute auf den Demozugang. Aber das kann ja noch werden. In wieweit dies wirklich hilfreich für den Drucker oder Copyshopbesitzer sein wird, bleibt auch hier unbeantwortet. Werbetexte sind gut einstudiert, echte Antworten suche ich vergebens. Ich bin ein wenig enttäuscht… und hungrig.

Richtig, da gab es einen Live Act. Klingt in der richtigen Lautstärke sicherlich gut. Doch zu den Zeiten der Auftritte war dann dank nicht ausgeklügelter Soundtechnik schlagartig kein Gespräch möglich, oder war das geplant? Ich bin Freund von Gimmicks, diese Sache mit der Playlist hat sich mir nicht erschlossen, oder hätten mir die zahlreichen Fummeleien fremder Menschen an meinem Messebadge zu denken geben sollen? Es folgte nichts Erkennbares.

Mittag gibt es in Form eines kleinen Fingerfood-Buffets bei XMPie im VIP-Bereich des Xerox Standes. Standesgemäß. Dies vermisste ich auf dem eigentlichen XMPie Stand, an der offenen und herzlichen Art gilt es wirklich zu arbeiten. Das kritisiere ich konstruktiv als Kunde und Freund des Hauses. (Der Vollständigkeit halber für meine Kritiker angemerkt). Zurück zum Buffet, lecker. Zurück zu den Inhalten dieses Meetings: inspirierend, ordentliche Ansätze, nicht überragend, aber gut.

Kaffeezeit: Willkommen bei Canon.

Hier wurde der WELCOME DESK seinem Namen endlich einmal gerecht. Freundliches, aufgeschlossenes, fähiges Personal, welches nicht ratlos in irgendwelchen Verzeichnissen nach dem Namen des Ansprechpartners suchte oder achselzuckend ohne wirklichen Einsatz sofort aufgab. Zur Begrüßung wurde ich an ein Tablet geführt, welches mir in wenigen Schritten die Registrierung ermöglichte, zu dessen Abschluss ich eine persönliche Chipkarte erhielt. Mit dieser konnte ich auf dem Stand mein Interesse an den einzelnen Produkten in den insgesamt sieben Segmenten zum Ausdruck bringen. Schon die Terminvereinbarung lief per Landingpage reibungslos, so auch mein CheckIn. Im Anschluß an meinen Besuch bekam ich eine kleine Danke-Mail. Das mag ich. Nicht nur als Multichannel-Befürworter, sondern auch als Interessent, aus Kundensicht.

Doch jetzt sollte es erst richtig losgehen. Zum Ausklang des zweiten Tages meiner Expedition traf ich auf ein offenes, junges, dynamisches Team, welches die Attribute wirklich verdient hat. Wohlgemerkt, ich bin kein Kunde, hatte nie einen Berührungspunkt mit CANON. Doch die Umsetzung des Messestandes, die Segmente und durchweg sinnvoll einzuschätzenden realen Beispiele in Verbindung mit den technischen Innovationen passte. Selbstkritisch wurde auf meine bekanntermaßen direkten Fragen reagiert. Hier fühlte ich mich erstmals wohl und unwohl gleichermaßen.

Zeigt es doch wie wenige es wirklich verstanden haben den Schlagworten Multichannel, Lösungen, Innovationen, Transformation (beliebig mit Buzzwords der Branche zu ersetzen) Leben einzuhauchen und „echte“ Ansätze zu geben. Denn geht es nicht eigentlich darum: mir Möglichkeiten aufzuzeigen, Szenarien, welche ich sofort nach der drupa in meinem Unternehmen umsetzen kann um auch wirklich von der Stelle zu kommen und eben nicht „nur“ neue Technik in die Halle zu stellen. Geht es am Ende trotz allem Gerede bei den meisten doch immer noch ausschließlich um „KISTEN“?

Diese Frage beschäftigte mich noch auf der gesamten Taxifahrt zurück ins Hotel. Noch ein bischen Musik zur Aufheiterung bleibt in Erinnerung:

Die Stimmung verdunkelte sich, als ich mich erinnerte, dass irgendwo eine personalisierte Kaffeetasse auf mich wartete, welche ich in der Einladungsphase freudig reservierte (mehr dazu im ersten Artikel der Trilogie). Doch in Ermangelung einer Erinnerung seitens des Ausstellers, ging dieser Termin einfach im Trubel der Expedition unter. Wenn das mal kein Einzelfall war. Mein Blick fiel auf die Inkjet-personalisierte Wasserflasche aus schweizerischer Produktion. Schmeckt da auch Kaffee draus? Meine Meinung dazu: neutral.

P.S. Doch halt noch eins, denkt was geschah. Das Titelfoto ist ein geschickter Coup der kleinen feinen Firma locr aus Braunschweig. Da staunte selbst die drupa-Leitung und nutzte geschickt das Ergebnis um seine eigenen Schwächen in der Kommunikation während der Messe zu kaschieren. Vergebens, für locr genial. Unwissende vermuten Karten als Unternehmenszweck. Doch die Aktion mit einer 7,5 x 5 Meter grossen detaillreichen Karte, dazu geschickte Kooperationen mit Anbietern wie XMPie , HP & EFI, dazu dem feinen Messestand und deren Lösungen mit handfesten Ansätzen, katapultieren dieses Unternehmen ganz weit nach vorne, nicht nur in meiner Gunst. Das musste noch erwähnt werden.

 

Das war’s von der drupa. Sie haben zurecht mehr erwartet. Die Aufarbeitung dieser beiden Tage und der Einladungsphase füllt noch einen weiteren Artikel, auf dessen Erscheinen es sich durchaus zu warten lohnt. Und sei es nur wegen der Cocktailrezepte im Abspann;-)

Danke an die DRUPA für die Bereitstellung des Pressefotos: Messe Düsseldorf / ctillmann

© 2014 prindoz | Alles beginnt mit einem Namen Anbieterkennzeichnung. | AGB. | Datenschutz. | Dialog.